SZ vom 12.2.10: Mit Hiphop gegen das G8

Von Christian Rost

Trotz drohender Verweise und eisigen Temperaturen war die Stimmung bei den Protesten gegen das G8 bestens. Selbst die Politiker zeigten sich einsichtig.

SchülerprotesteDie Schüler im verkürzten Gymnasium leiden unter der Stofffülle und dem Leistungsdruck – jetzt gehen sie auf die Straße. Foto: ddp

Wenn die Stimmung in den Schulen nur halb so gut wäre wie hier auf der Demo: 2500 Schüler stehen am Freitag am Odeonsplatz und frieren nicht, trotz markanter Minusgrade. Zum Hiphop, den Lautsprecher von der Ladefläche eines weißen Lastwagens über die Köpfe hinweg blasen, hüpfen die Schüler auf dem schneebedeckten Pflaster auf und ab. Und was dazwischen die Redner von den Elternverbänden, der Erziehungsgewerkschaft oder den bayerischen Oppositionsparteien ins Mikrophon rufen, wärmt den Jugendlichen das Herz. “Ihr habt mit allen Forderungen recht!” So sichert sich Ulrich Pfaffmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, donnernden Applaus.

Es ist Bildungsstreik am Tag der Zwischenzeugnisse, nicht nur in München, sondern in ganz Bayern. Bei landesweit sechs Kundgebungen begehren die Schüler gegen die Zustände im achtjährigen Gymnasium auf. Die Dauerbaustelle kommt einfach nicht zur Ruhe, seit die frühere Kultusministerin Monika Hohlmeier auf Anordnung ihres Chefs Edmund Stoiber über Nacht die Schulzeit um ein Jahr gekappt hat. “Bestmögliche Ausbildung im international üblichen Zeitrahmen” und “voller Erfolg” jubelte Hohlmeier vor genau fünf Jahren, als sie nach einem halben Jahr G8 etwas früh Bilanz zog. Heute hat ihr Nach-Nachfolger Ludwig Spaenle noch immer das Problem, das G8 wieder mal reformieren zu müssen angesichts andauernder Schüler- und Elternproteste.

Für Spaenle dürfte das G8 inzwischen schon zum Synonym geworden sein für den “Gang nach Canossa”. Und auch am Freitag auf der Kundgebung gegen seine Politik gibt er wieder mal den Geläuterten: Er sei zur Demo gekommen, um “zuzuhören und zu lernen”, ruft er in die vielen Buhs hinein. Die Schüler sind perplex, und nicht wenige sehen so aus, als hätten sie lieber einen CSU-Politiker alter Art vor sich, den man wegen seiner Sturheit schön niederbrüllen kann. Und nicht einen, der sofort verspricht, er sorge “für Lösungen, notfalls an jeder einzelnen Schule”.

Mal sehen, ob die Probleme diesmal wirklich angegangen werden. Dass die Schüler im verkürzten Gymnasium unter der Stofffülle und dem Leistungsdruck leiden, ist lange genug bekannt. Mit dem ersten G8-Jahrgang ist dieser Druck jetzt allerdings in der Oberstufe angekommen. Und die Jugendlichen in der Q11 sind nun alt genug, um sich das nicht mehr gefallen zu lassen. “Man hat für nichts mehr Zeit”, klagt der 17-jährige Lucas vom Gnadenthal-Gymnasium in Ingolstadt, der mit 100 Mitschülern zur Demo nach München gekommen ist. Früher war er dreimal die Woche beim Bogenschießen und hat Fitnesstraining gemacht. “Jetzt ist nur noch Lernen und Schule bis in die Nacht”, sagt der Elftklässler. Sein Schülerkollege Janis, 17, aus Neutraubling bei Regensburg hat vor den Schulbüchern schon kapituliert.

In Mathe habe er wahrscheinlich nur einen Punkt im Zwischenzeugnis, er weiß das allerdings noch nicht genau, weil er wie die anderen Streikenden am Freitag den Unterricht hat sausen lassen und sich sein Zeugnis erst nach den Faschingsferien abholt. Sandra, ebenfalls 17 und vom Landraf-Leuchtenberg-Gymnasium in Grafenau, ist selbst “gar nicht so schlecht” in der Schule. Doch der Lernstress, das ewige Auswendiglernen, das geht ihr gewaltig gegen den Strich. Bei diesem Thema gerät Wilfried Roggenkopf richtig in Fahrt. Der selbständige Tourismusexperte hat zwei Töchter am Berthold-Brecht-Gymnasium in München und sagt: “Die arbeiten mehr als ich.” Schule als Selbstzweck dürfe nicht sein. “Mir tun die Kinder wirklich leid”, schimpft Vater Roggenkopf.

Für ihren Mut, auf die Straße zu gehen, werden die Schüler am Freitag bewundert: Als die Demo-Gemeinde ihre Kundgebungen unterbricht, um in einem fast zwei Kilometer langen Zug durch die Innenstadt zu “chillen”, sind die jungen Damen in den Boutiquen an der Maximilianstraße recht angetan von dem Spektakel: Bei der Parade hämmert vorneweg der Laster mit Musik, drei Mädchen aus Ingolstadt tragen rosa Hasenkostüme, eine Schülerin spielt Klarinette, ganz in sich versunken.

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