4. Rundschreiben – Schuljahr 2009/2010 Rundschreiben an alle Elternbeiräte der EVO-Gymnasien und EVO-Realschulen
An die Vorsitzenden der Elternbeiräte der Katholischen Gymnasien und Realschulen in Bayern
und den Vorstand der EVO
An die Schulleitungen und Schulträger der katholischen Schulen in Bayern
Für den Vorstand:
Monika Endraß
c/o Katholisches Schulwerk in Bayern
Adolf-Kolping-Str. 4
80336 München
Tel: 089-55 52 66
Fax: 089-55 53 78
E-Mail: KSWiB@t-online.de
http:\\www.schulwerk-bayern.de
München, 22.03.2010
Sehr geehrte Elternbeiräte, liebe Kolleginnen und Kollegen,
aus gegebenem Anlass übersenden wir Ihnen unsere Stellungnahme, die wir bei der Jahresmitgliederversammlung der LEV in Dillingen am 21.03.2010 zu dem aktuellen Thema abgegeben haben:
Stellungnahme der EVO zu Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Minderjährigen sowie Körperverletzungen in katholischen Internaten
Die EVO hat sich zusammen mit dem Elternbeirat des Benediktinergymnasiums in Ettal sowohl an den Generalvikar des Erzbistums München und Freising als auch an Bischof Ackermann von Trier gewandt. Bischof Ackermann ist der Sonderbeauftrage für Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen, nominiert von der Dt. Bischofskonferenz.
Die gemeinsam vorgetragenen Anliegen der Eltern wurden definiert:
1. Wir erwarten das Zugehen auf die Opfer und die lückenlose Aufklärung aller Vorwürfe auf allen Ebenen, wobei die Opfer den Grad der Öffentlichkeit bestimmen sollten, den sie wünschen. Wir stimmen der vom Erzabt von St. Ottilien vorgeschlagenen Vorgehensweise zu. Er hat angekündigt, dass jedes einzelne Opfer um Verzeihung gebeten werden soll. Die Opfer sollten in diesen Gesprächen frei formulieren können, wie ihnen zum heutigen Zeitpunkt geholfen werden kann.
2. Wir sind gemeinsam mit den Eltern vor Ort der Demontierung kirchlicher Würdenträger aus Ettal entgegen getreten. Die Eltern in Ettal haben den besten Einblick in die heutige Situation und haben in überwältigender Mehrheit sowohl Abt Barnabas als auch Pater Maurus das Vertrauen ausgesprochen. Hierfür wurden sie seitens der Erzdiözese öffentlich in Anwesenheit der Presse gerügt, statt das direkte Gespräch mit ihnen zu suchen. Wir haben deswegen einen gemeinsamen Gesprächstermin mit dem Generalvikar nach Ostern. Dabei soll auch angesprochen werden, dass Eltern auf diese öffentlichen Äußerungen des Sprechers der Erzdiözese hin vor Ort von der Presse bedrängt worden sind. Gleiches gilt
für die dortigen Schüler, die auf dem Weg zur und von der Schule von Medienvertretern geradezu abgefangen worden sind. Wir betrachten es als unsere Fürsorgepflicht den jetzigen Schülern gegenüber, diese vor dem Druck der Medien zu beschützen und gleichzeitig aufzuzeigen, dass das heutige Ettal ein anderes ist als das Ettal vor Jahren.
3. Nach der sorgfältigen Aufklärung muss eine erhöhte Achtsamkeit an allen Schulen und Internaten institutionalisiert werden. Wir begrüßen daher die Anstrengungen, die gerade das Kloster Ettal im Dialog mit Opferorganisationen unternimmt, um nicht nur die völlige Offenheit zu gewährleisten, sondern für die Zukunft noch bessere Präventionsangebote unterbreiten zu können. Dabei sind insbesondere der Weiße Ring, der Kinderschutzbund und „Wir sind Kirche“ mit einbezogen.
4. Wir halten fest, dass alleine die Staatsanwaltschaft und die Gerichte die Vorwürfe zu klären haben. Wir betrachten die Vorgehensweise des öffentlichen und kommentierenden Verlesens von Mails von Opfern in einer Pressekonferenz seitens eines Rechtsanwalts nicht nur als standeswidrig, sondern auch wenig förderlich, das Gespräch der Opfer mit den Tätern bzw. den Vertretern des Ordens wieder in Gang zu bringen. Verzeihen und vergeben können nur die Opfer, deswegen sehen wir im Dialog die erste und beste Möglichkeit der Hilfe und des Aufarbeitens. Dieses ist eine leise Aufgabe und nicht geeignet, von den Medien kommentiert und begleitet zu werden.
5. Die Ordensschulen leben vom Vertrauen, das Eltern in sie setzen. In den Ordensschulen wird überragende Arbeit gerade im Bereich der Werteerziehung geleistet. Sie sind höchstrangige Kulturträger. Ordensschulen waren die ersten regulären Schulen überhaupt. Es waren Orden, die dafür sorgten, dass gerade Kindern von sozial benachteiligten Familien eine gute Bildung zukommt. Aus dieser Tradition hat sich das staatliche Schulsystem erst gebildet. In vielerlei Beziehung kann diese Tradition als vorbildlich gelten. So waren es Ordensschulen, die als erste das Kind in den Mittelpunkt stellten. Es waren Ordensschulen, die sich für eine verstärkte Mädchenbildung eingesetzt haben und an denen Informatik schon gelehrt wurde, als der staatliche Lehrplan hierzu noch vollständig schwieg. Und schließlich ein aktuelles Beispiel: Das Thema mittlere Führungsebene wird an vielen Ordensschulen bereits gelebt, während es im staatlichen System immer noch Widerstände der Lehrerverbände gibt. Es muss daher alles getan werden, was der Prävention in Zukunft dient, wobei zu beachten ist, dass sich bereits vieles verändert hat. Derzeit haben Ordensschulen gerade auf Grund ihrer guten pädagogischen Arbeit einen so hohen Zulauf, dass sie und gar nicht alle Schüler aufnehmen können. Wir erwarten daher, dass die Amtskirche den Ordensschulen den nötigen Freiraum für den Dialog mit den Opfern lässt. Dies befreit nicht nur die Opfer, die nun über ihre Verletzungen an Leib und Seele sprechen können, sondern bietet den heutigen Verantwortlichen Einblicke in die damaligen Abläufe und damit die Möglichkeit dazu zu lernen und ähnliches für die Zukunft so gut wie möglich zu verhindern. Dabei muss die Solidarität mit den Opfern als sichtbares Zeichen der Nächstenliebe nicht nur angesprochen, sondern umgesetzt werden. Weiterer Schaden im Ansehen und in der Glaubwürdigkeit durch ein nicht abgestimmtes Krisenmanagement muss vermieden werden. Wir sehen diese Krise als Chance für die Unterscheidung der Geister.
6. Wir erleben, dass nicht nur kirchliche Einrichtungen betroffen sind, sondern Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sind. Aus der Kriminologie wissen wir, dass zahlenmäßig die höchste Gefahr für Kinder, Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zu werden, innerhalb der Familien selbst besteht. Wenn wir alle also die Sicherheit der Kinder vor Übergriffen und Grenzüberschreitungen fordern, so müssen wir alle achtsam sein und Kinder gerade bei Veränderungen ernst nehmen. Hier sind alle aufgerufen, hinzuschauen und wahrzunehmen. Das können wir als Eltern letztlich auch nicht delegieren.
7. Wir werden uns als Elternvereinigung der Ordensschulen bei den Themen Aufarbeitung, Prävention und Offenheit über unsere Elternbeiräte in die weiteren Diskussionen einbringen und daran mitarbeiten, dass Kinder an unseren Schulen in Sicherheit und ohne Grenzüberschreitungen unterrichtet werden.
Dillingen, 21.03.2010
Monika Endraß
Wir regen für unsere EVO-Schulen an, die Passionszeit dafür zu nutzen, um Vergebung zu bitten und die Opfer in das persönliche Gebet einzuschließen.
Allen Verantwortlichen an unseren Schulen und Schulträgern, die täglich einen segensreichen Dienst tun, gebührt nicht nur unser Respekt und Dank, sondern auch unsere Unterstützung nach innen und außen.
Daher danken wir allen, die gerade in diesen schwierigen Tagen Solidarität mit unseren Schulen gezeigt und tatkräftig geholfen haben, die Probleme anzugehen und für einen lebendigen und offenen Dialog zu sorgen.
Unsere Schulen wurden immer wieder als Leuchttürme in der Bildungslandschaft Bayerns bezeichnet. Es ist in Zeiten wie diesen an jedem Einzelnen, dass es in und aus unseren Schulen weiterhin leuchtet, weil damit das Christentum im Schulalltag ein menschliches Antlitz erhält.
Wir grüßen Sie alle sehr herzlich und wünschen Ihnen eine ganz bewusst erlebte Karwoche und eine erfüllende österliche Zeit.
Monika Endraß Carmen Müller
1. Vorsitzende der EVO 2. Vorsitzende der EVO

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